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Eroc - Der Traum vom Wald

  • Artist: Eroc
  • Album: Eroc 2 (1971)
German
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Der Traum vom Wald

Sie müssen kommerzieller denken, junger Mann,
Sie müssen marktgerecht produzieren,
Ich muss ihr Produkt ja schließlich verkaufen!
Und vor allen Dingen: Gewöhnen Sie sich 'mal einen einheitlichen Stil an!
Sehen Sie: Wenn Sie auf ihrer ersten LP die zweite Seite so wie die erste gemacht hätten,
Wären Sie besser gelaufen
Auch das Ausland war von der ersten Seite begeistert
Sie brauchen ja nicht unbedingt dem Trend zu folgen,
Aber schließlich sollte man auch mal an die Stückzahl denken!
Am besten lassen Sie Ihren neuen Reim sein!
Vogelgezwitscher haben die Leute im Wald
Sie müssen die Leute unterhalten, junger Mann!
Gut unterhalten!
Dann haben Sie Erfolg!
 
Es war einmal ein kleiner Wald,
Ganz weit draußen,
Hinter dem großen Wald, den großen Wiesen
Keine Häuser gab es dort, keine Straßen
Und überhaupt keinen Lärm
Wenn schönes Wetter war,
Kam oft ein kleiner Junge mit seinen Eltern den kleinen Wald besuchen
Und sie blieben den ganzen Tag lang
Es war schön da
 
Er hörte den Wind in den Bäumen rauschen
Und tausend Vögel zwitscherten
Und wenn es sehr heiß war,
Summten die Bienen in den Himbeerbüschen
Der kleine Junge hatte den kleinen Wald lieb,
Weil er dort spielen konnte und singen
Und rumtoben, wie er wollte,
Ohne dass jemand schimpfte
Es war sein Wald
Abends hing die Sonne hinter den Hügeln
Wie eine dicke Apfelsine
 
Einmal fand der kleine Junge einen Pilz,
Der war fast so groß wie ein Fußball,
Sah dabei aus wie ein Regenschirm
Das war schon aufregend!
Weniger aufregend fand er die weiß-roten Stangen,
Die eines Tages zwischen den Bäumen im Boden steckten
Die vermessen was, sagte sein Vater,
Aber der Junge wusste sowieso nicht,
Was das ist
Er pinkelte eine von ihnen an,
Er schimpfte seine Mutter,
Aber sie lachte dabei
 
Man hörte den Wind in den Bäumen rauschen
Und tausend Vögel zwitscherten
Und wenn es sehr heiß war,
Summten die Bienen in den Himbeerbüschen
Der kleine Junge war gern dort,
Weit weg von den Schulkameraden,
Ihren blöden Kloppereien, die er leid war,
Er war alleine und doch nicht einsam in seinem Wald
Abends hing die Sonne über den Hügeln
Wie eine dicke Apfelsine
 
Eine Zeit lang konnten sie den kleinen Wald nicht besuchen,
Der Junge und seine Eltern
Und eines Tages hörten sie schon von weitem einen Lärm
Der Kleine rannte voraus und wollte kucken,
Was da los wär'
Er sah viele Menschen mit Maschinen,
Die dabei waren die Bäume zu zersägen,
Alles platt zu walzen.
Den kleinen Wald gab es nicht mehr
 
Man hörte vor Krach kaum das eigene Wort
Alles ratterte und quietschte und qualmte
Der kleine Junge fand das unheimlich toll
Und rannte zwischen den Autos herum
Am besten gefielen ihm die dicken, runden Räder
Er wollte sie immer anfassen,
Aber seine Mutter lief hinter ihm her,
Sie hielt ihn fest
Wir müssen jetzt gehen, sagte sie
Der Staub legte sich auf die Sonne,
Sie sah aus wie eine verwelkte Tomate
 
Inzwischen bin ich nun fast ein ganzes Vierteljahrhundert alt
Und glaube zu verstehen,
Warum ich an jenem Tag nicht geweint habe
Wo einmal der kleine Wald war,
Ist heute eine Autobahn
Sauerlandlinie nennen sie sie
Und sagen, sie sei eine der schönsten
Das verstehe ich nicht
Ich finde, mein kleiner Wald war schöner
 
Jetzt rasen sie chromblitzend und servogelenkt an den Wäldern vorbei
Und quälen sie mit Dröhnen und Gestank
Ja, sie fahren, fahren, fahren auf der Autobahn!
Und singen dabei ihre dümmlichen Lieder
Vom leicht bescheuerten Walter,
Den eine dumme Redensart sogar noch zu ihrem Gott erhebt!
Aber anscheinend ist er doch ein ziemlich blöder Gott,
Denn er schafft es noch nicht mal,
Zu verhindern, dass sich der Abendnebel auf die Autobahn legt.
 
Und manchmal fahre ich sogar selbst da lang
Zum Beispiel, wenn wir irgendwo südlich spielen mit der Gruppe.
Die Jungs sitzen dann im Auto rum
Und spielen Karten oder lesen die Zeitung
Oder machen irgendwelchen Blödsinn.
Und demnächst fahre ich wieder dort entlang,
Denn das Überschneidestudio für diese Langspielplatte ist in Frankfurt.
 
Hahahaha...
Oh nein! Das, das ist doch unvermeidbar!
Ich muss dort hin,
Das muss doch gemacht werden!
Alles ist irgendwie unvermeidbar
Und doch komme ich mir oft vor wie ein Verräter
Aber das weiß ja keiner,
Denn keiner weiß von dem kleinen Wald
Ich war ja allein dort, ganz allein,
Allein mit einer dicken runden Apfelsine!
 
Submitted by Milia13Milia13 on Thu, 05/01/2017 - 21:48
Last edited by malucamaluca on Fri, 07/04/2017 - 14:04
Added in reply to request by malucamaluca
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